Schwarzwildfieber

Im Innenraum des Volvo roch es noch nach Sau und Schweiß, das Teilnehmerfeld im Schlepptau unserer Blechkarawane lichtete sich von Stand zu Stand. Zum Schluss blieben nur noch vier Schützen über, Grenzposten. Mit den geparkten Autos im Rücken gingen wir an der Feld-Waldkante auf dessen Ecke zu, an der das Feld rechtwinklig von Buchenaltholz umrahmt wird. In Verlängerung der anschließenden Waldkante verläuft mehr oder weniger exakt die Grenze zum hoheitlichen Nachbarrevier, dessen Gefilde an diesem Tag unberührt blieben. Ansteller Y. führte uns eine Rückeschneise waldeinwärts und postierte nach persönlichem, beeindruckend analytischem Ermessen seine, uns drei Begleiter. Ziemlich weit unten ließen wir den ersten Grünrock zurück, er setzte sich an die Böschung des Rückewegs und stand damit genau zwischen mindestens zwei auf den ersten Blick außergewöhnlich stark frequentierten Wechseln inmitten freigestellter Buchen, neben der Wiese und einem zirka 40 Meter gegenüber liegenden Anflug von Rauschen linker Hand. Parallel der Rückegasse verlief ein Bach, welcher sich mit leichtem Anstieg des Geländes vom Weg entzweite. Sein Wasser mündete in den Graben irgendwo in der Nähe des Hauptwegs. Nach oben hin erwuchs das gewöhnliche Bachbett zu einem mächtigen, gewiss 10 Meter breiten und mindestens halb so tiefen Graben und verringerte sich wieder etwas in Richtung seiner Quelle. Der Bewuchs jenseits und diesseits der kleinen Schlucht war spärlich, etwas Naturverjüngung, nach oben hin ein bisschen dichter, jedoch einwandfrei einzusehen. Dort wo der Grenzweg den Graben mit einer Kurve umgeht blieb ich stehen, Y. wies mich auf die vorhandene Scherenleiter ein, darunter nahm ich auf meinem Hocker Platz. Nächster Schütze war der Holländer, er hatte gestern bereits einen Frischling geschossen und war mir im Gegensatz zu einigen seiner, leider oft sehr zeigefingerverkrampfenden, Landsmänner durchaus sympathisch. Mit seinem ruhigen Gemüt ließ er sich auch alle Zeit dabei sich einen von den drei möglichen Standplätzen oberhalb von mir zu suchen. Er begann 200 Meter weit weg, kam dann wieder bis fast zu mir, um sich zu guter Letzt für die goldene Mitte mit dem größten Grabenquerschnitt zu entscheiden. Er tat gut daran! Währenddessen war der Ansteller schon längst unseren Blicken entschwunden, er komplettierte unsere Reihe außerhalb unseres direkten Sichtfeldes.

Dann ging es endlich los, schießen hätten wir zwar schon gedurft, aber die Unruhe musste dann doch erst einmal weichen. Kaum saß ich nach den obligatorisch durchgeführten Anschlagübungen auf meinem Schemel, da begann der Donner auch schon. Zügig sondierte ich abermals das Terrain um den Kugelfang zu überprüfen. Hinter dem Graben schaute ich bis auf 100 Gänge in Buchenwald -alles zu erreichen-, auf dem begrenzenden Hügel danach schloss sich eine gewaltige nach rechts verlaufende Dickung an. Diese schien sehr dicht, ein paar Fichten standen dort als Überhälter, der Unterwuchs war mit Brombeeren und Buchen vermischt. Sollten die Wutzen da hinaus wechseln, so müssen sie zunächst durch den Hochwald, danach in den Graben und auch wieder hinaus, anschließend queren sie unsere Linie um ihr Heil im Nachbarrevier zu suchen. „Frohlockung der Stücke, die dort kommen mögen!“, mein Gedanke bescherte den Auftakt…

Eine graubraune Bewegung bei wenig Rascheln kündigte mir Rehwild an. Bald tauchten Ricke und Kitz aus der gegenüber liegenden Dickung auf, ich war längst fertig, mein K98 lag schussbereit an der Wange. Als beide Stücke ihre Fluchten verlangsamten sah ich, dass es sich um ein Bockkitz handelte. Seinesgleichen waren nicht frei, die Waffe wieder gesichert. Ohnehin bin ich kein Freund derer Erlegung noch erpicht darauf das vielerorts unausgewogene Geschlechterverhältnis des Rehwilds weiter zu strapazieren und damit dessen allgemeine Konstitution negativ zu beeinflussen. Beide Stücke verhofften auf 15 Meter, dann hatten sie mich spitz. Mit einer schnellen Kehre brachen sie nach rechts weg und flüchteten entlang des Grabens davon. Dem Holländer signalisierte ich, dass es sich um ein männliches Kitz handelte, er verstand meine Zeichensprache und nickte mir zu. Nun knallte es immer häufiger, die Schussarien reihten sich dicht an dicht, Schwarzwild war sicher bereits drin. Da sah ich rot! Ein starker Fuchs stahl sich aus der großen Dickung, verschwand eine Weile in einer Senke und schnürte zügig, schnurstracks in meine Richtung. Er hielt spitz auf mich zu, nahm er doch denselben Wechsel wie das Rehwild kurz zuvor. Von vorne wollte ich ihn keinesfalls packen, sobald er mir Breitseite zeigt würde ich es probieren. Ohne Chance war er schon in der Schlucht zu meinen Füßen verschwunden. Da ich jedoch nicht direkt an der Kante stand wusste ich nicht länger wohin er ziehen würde. So pirschte ich die zwei Schritte und blickte hinab, ein Knick in seiner Route ließ ihn leicht schräg erscheinen, doch da trafen sich unsere Seher bereits. Er beschleunigte, durchbrach mit Ende des Grabens die Schützenkette zwischen dem Holländer und mir. Noch ehe ich mich ärgern konnte zeigte seine scheinbare Überraschung für ihn verhängnisvollen Effekt: Er verhielt. Ich reagierte. Vor einem grün bemoosten Wurzelteller brach er mit gestreckter Lunte im Schuss zusammen. Was für eine Dramatik, mein Blut fuhr Achterbahn. Atemberaubend! Der Nimrod unter mir rief „Waidmannsheil!“ und wedelte mit seinem Hut, der Holländer reckte anerkennend seinen Daumen. Es blieb uns aber keine Zeit zu verschnaufen, da sprach die 30-06 von Y. Wieder konzentrieren war die Devise, Hundegeläut kündete von Spektakel. In der Schonung vor Kopf ging es rund, nun donnerte es ohne Unterbrechung aus Richtung Dorf. Bald musste einfach Wild kommen, wir waren eben die hinterste Fraktion. Just spritzte ein strammer Frischling aus seinem Versteck in den Jungfichten, er nahm einen Wechsel halb schräg auf mich zu, blieb in meinem unmittelbaren Schussfeld zu weit für eine sichere Erlegung. Ich ließ ihn passieren und vergewisserte mich, dass der Holländer ihn empfangen würde. Auf der Hälfte des Grabens schoss er vor Aufregung daneben, mit dem Verlassen der Senke trug er ihm eine gute Kugel an. Sau tot! Mein gut genährter Nachbarschütze freute sich ehrlich, mit einem Wink seiner R93 registrierte er mein „Chapeau!“, ich hatte Mühe sein Gesicht zwischen Signalschal und –mütze zu entdecken.

Kaum hatte ich mich wieder beruhigt sprengten die Hunde einen Überläufer aus dem Treiben. Ich sah ihn schon von weit vorne links in den Buchenrauschen durch die Büsche brechen, er zerteilte seinen Fluchtweg gleich einem Panzer. Zur selben Zeit bemerkte ich auch ein weiteres starkes Stück Schwarzwild, das sich weiter entfernt in Richtung Wiese drückte. Mein linker Nebenmann verfolgte meinen Blick und machte sich bereit. Als die erste Sau den Hochwald erreichte und einen der beiden Wechsel annahm fuhr er mit und ließ sie im Troll zusammenbrechen. Mit aufgerissenem Gebrech und aggressivem Klagelaut wollte sie wieder hoch. Der Fangschuss beendete diesen Versuch. Wieder hallten Schüsse in unmittelbarer Nähe, ein Fuchs stahl sich die Dickung entlang Richtung Y. Kurz darauf erschien sowohl ein Terrier als auch eine Bracke, sie arbeiteten jeweils ein paar Fährten im Laub, verschwanden jedoch zügig wieder im Getümmel. Damit wurde es im Dickicht offensichtlich zu voll. Zuerst kam ein stattlicher Überläuferkeiler auf passende Entfernung brettelbreit auf gut 60 Meter. Im Schlepptau ein hochflüchtiger Frischling doch bedeutend weiter und auf besserem Kurs für den Holländer. Ich fokussierte mich auf den Überläufer, schwang mit und drückte auf Höhe der Lichter ab. Vorne einknickend bremste der Überläufer mit dem Wurf. Er grub sich ins Laub und rollierte etwas behäbig. In einer Geländeunebenheit zollte er dem schweren Lungentreffer Tribut. Unterdessen erreichte der Frischling den Holländer in vollem Tempo. Auf den ersten Treffer ins Weiche war der Frischling lauthals nicht einverstanden und musste mit einem zweiten Schuss erlöst werden. Keine Zeit zum Verschnaufen, deutlich hörbare Wildbewegung kündigte weitere Schwarzkittel an. Als ich mich zu meinem unteren Nachbarn wendete war dieser bereits fleißig am zielen. Eine einzelne Sau von etwa eineinhalb Zentnern schob sich lange gedeckt in den Rauschen auf ihn zu. Wahrscheinlich bekam sie ihn spitz, denn urplötzlich startete die starke Wutz durch. Sie nahm den Bach in einem mächtigen Satz, die erste Kugel zischte peitschend vorbei. In tiefster Flucht überfiel sie den Grenzweg, der zweite Schlag erfasste sie jedoch tödlich. Mit dem Haupt bereits im gräflichen Revier verendete die Sau schnell und rutschte sanft die Böschung herunter zurück. Es war unglaublich was hier geschah, niemals zuvor war ich Zeuge eines solchen Anlaufs in Nähe meines Drückjagdstandes. Zumal Y. auch einige Male geschossen haben musste, nur sah ich weder ihn, noch das Wild, welches vermutlich von weiter oben, am hinteren Dickungsrand in seine Richtung ziehen musste. Schließlich wurde es ruhiger, die Schüsse in der Ferne waren nunmehr in größeren Abständen zu vernehmen. Ich ließ die zahlreichen Eindrücke der vergangenen Minuten Revue passieren, tat mich an meiner Verpflegung gütlich und genoss träumerisch die Natur. Relativ zu Schluss des Treibens kam dann doch noch ein Frischling, diesmal direkt auf der Höhe des Holländers. Er erlegte ihn mit sauberem Schuss und gebärdete mir seinen Gram bzgl. des tiefen Grabens, aus dem wir die Stücke teilweise hochziehen müssten.

Mit Jagdende kam Y. uns beiden tiefschnaubend entgegen. Am Bergehaken einen Frischling und in der Hand zwei zusammengebundene Rotröcke. Dies sei nicht alles, er habe noch zwei Sauen sowie Ricke mit Kitz! Wir staunten nicht schlecht und nachdem auch der vierte Jäger zu uns trat wünschten wir einander herzlichstes Waidmannsheil. Da lagen sage und schreibe 9 Sauen, 2 Rehe und drei Füchse, erbeutet von gerade einmal vier Jägern! Ungläubig betrachtete ich nach Bergung die einzelnen Stücke und bewunderte den nachhaltig schillernden Anmut eines jedes Einzelnen, auch wenn es dort als unsere Beute lag. Langsam legte sich meine Aufregung und Besinnung kehrte ein, mit Dankbarkeit versah ich die Geschehnisse dieses wunderbaren Novembertages.

Mein kugelrunder, extrem zotteliger Überläufer brachte es auf 62 Kilogramm aufgebrochen, er war laut seinen Zähnen gerade einmal 20 bis 22 Monate alt. Als es dämmrig war und die Dunkelheit Einzug hielt war soweit alles Wild am Sammelplatz eingetroffen und die vorläufigen Nachsuchen absolviert. Insgesamt lagen an den zwei Jagdtagen 39 Stück Schwarzwild, 7 Rehe und ebenfalls 7 Füchse. Die Kulisse fasste die Strecke des Tages gebettet auf grünes Fichtenreisig, zünftig umrandet von Schwedenfackeln und dem Feuerschein eines großen Lagerfeuers. Andächtig gedachte die Korona der Erlebnisse der vergangenen Stunden. Mit Hörnerklang und der Vergabe der Brüche beendeten der Jagdleiter und die Jagdhornbläser den offiziellen Teil. Der Abend war noch voll interessanter Gespräche, Würstchen und Steaks vom Grill, sowie dem ein oder anderen Getränk. Bis heute blicke ich dankbar und zufrieden auf diesen mir ewig in Erinnerung bleibenden Jagdtag zurück, vielen Dank meinem Jagdkamerad. Waidmannsheil!

Tobias Hermann Schädler – Dezember 2014

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