Wolf In Hessen

Die Rückkehr der Wölfe in ein verändertes Land

Postkutschen und andere Pferdefuhrwerke bestimmten den Reise – und Warenverkehr in unserem Land, als die letzten Wölfe im 19. Jahrhundert in freier Wildbahn ihre Kreise zogen.

Das Straßennetz war recht bescheiden und ein Schienennetz befand sich ab ca. 1850 gerade im Aufbau.
Seit ca. 15 – 20 Jahren beobachtet man ein langsames Wiedereinwandern von Wölfen, vorwiegend aus Polen.

Die Reaktionen der Menschen auf dieses Ereignis reichen von radikaler Ablehnung bis zum überschwänglichen Willkommen -heißen.

Hier soll einmal der Versuch gemacht werden, spezielle Aspekte in den Vordergrund zu rücken, nämlich die Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur und die Bevölkerungsentwicklung in den letzten Jahrzehnten. Speziell in diesen Bereichen hat sich unser Land radikal verändert, was natürlich auf die gesamte Tierwelt Auswirkungen hat.

Im Bundesdurchschnitt nutzt die Landwirtschaft heute 52 % der Landesfläche, auf die Wälder entfallen ca. 30 %. Siedlungs -, Industrie – und Verkehrsflächen nehmen etwa 13,6 % der Fläche ein. Der Rest entfällt auf Wasserflächen, Moore, Naturschutzgebiete usw.

Die Gesamtlänge der befestigten Straßen in Deutschland summiert sich auf ca. 645 000 km, wobei allein ca. 13 500 km auf die Bundesautobahnen entfallen. Die Netzdichte beträgt 1,8 km / km² (Kanada: 0,1 km / km²).

Das Schienennetz der Bahn erstreckt sich auf ca. 34 000 km. Diese gigantische Verkehrsinfrastruktur in Verbindung mit ca. 53,7 Millionen Kfz verschiedener Art (ohne Ausländer) hat eine enorme Auswirkung auf die Wildtiere. Speziell BABs stellen eine unüberwindliche Barriere für viele Wildtiere dar. Die wenigen Übergänge, z.B. Grünbrücken, schaffen hier nur geringe Entlastungen.

Die jährlichen Verluste an Wildtieren durch den Straßen – und Schienenverkehr sind gewaltig! Verlässliche Zahlen sind hier nur schwer zu bekommen, da nur ein Teil des Fallwildes geborgen und registriert wird. Kleinere Tiere (Fuchs, Dachs, Waschbär, Hase usw.) werden in der Regel nicht erfasst.

Warum sind diese Zahlen wichtig?
Wandernde Jungwölfe lernen auf ihrer meist West – bzw. Nordwestwanderung, dass entlang der Verkehrswege ganzjährig immer ein reich gedeckter Tisch in
Form von Fallwild vorhanden ist. Zusätzlich ist entlang der großen Fernstraßen immer auch mit weggeworfenen Nahrungsmitteln zu rechnen.

Wie kann sich dies auf Wölfe auswirken?
Die wandernden Tiere lernen, dass trotz des permanenten Lärms und der Gegenwart von Menschen sie sich aufgrund der sicheren Ernährung entlang der Straßen bewegen sollten. Man kann diese Situation durchaus mit einer ungewollten Fütterung vergleichen. Wölfe sind Opportunisten! Trotz ihrer hohen Anpassungsfähigkeit schaffen es die Tiere aber nicht, wie andere Tiere auch, den Risiken des Straßenverkehrs zu entgehen. Die Beobachtungen der letzten Monate belegen regelmäßig, dass die meisten Wölfe Opfer des Straßenverkehrs werden.

Eine weitere leichte Nahrungsquelle sind die Haustiere, die es in diesem Land leicht zugänglich und in großer Zahl gibt. Bevor man sich als Einzelwolf z.B. mit einem wehrhaften Wildschwein anlegt und eigene Verletzungen riskiert, greift man sich lieber ein Haustier; besonders Schafe sind hier gefährdet. Der Mensch macht es dem Wolf leicht, da wirksame Schutzmaßnahmen im Laufe der letzten 150 Jahre weitgehend aufgegeben wurden.

Die Zersiedelung der Landschaft macht es den wandernden Wölfen schwer, menschliche Siedlungen zu meiden, zumal auch immer wieder verlockende Düfte (Nahrungsmittelreste, heiße Hündinnen) die Neugier der Tiere wecken. Die Bevölkerungsdichte in Deutschland hat sich vom 19. Zum 21. Jahrhundert sehr stark verändert. Im Deutschen Reich (1871) lag sie bei 76 Einwohner/ km². Betrachtet man die heutigen Werte, stellt man eine gewaltige Steigerung speziell von Ost nach West fest.

Der Bundesdurchschnitt liegt z.Zt. bei 226 / km². Die Bevölkerung hat sich also etwa verdreifacht! Interessant sind Vergleiche verschiedener Bundesländer: Brandenburg 86 / km², Hessen 287 / km², NRW 515 / km² (Polen 123 / km², Kanada 3 / km²).
Die Vorstellung, dass die Wölfe auf ihrer Wanderung unter Umgehung der großen Straßen und Siedlungen – was aufgrund der dargelegten Zahlen gar nicht möglich ist – sich sofort in die Wälder „verdrücken“ und dort eifrig nur Reh -, Rot- und Schwarzwild reduzieren, erscheint reichlich naiv. Ein Teil der Wölfe wird aufgrund von Lern – und Anpassungsprozessen von ihrem ursprünglich zugedachten ökologischen Auftrag eines Großräubers zumindest teilweise abrücken und möglicherweise zu Problemwölfen werden. D.h., sie verbleiben im Bereich der Verkehrswege und Siedlungen und ernähren sich von Fallwild und Nutztieren.

Neben Risiken der verschiedensten Art besteht hier natürlich auch die Gefahr von Hybridisierungen mit Hunden. Ein anderer Teil der Wölfe kann und wird es aber in kleinen Stückzahlen schaffen, ihre ursprüngliche ökologische Nische zu besetzen und in dünner besiedelten Gebieten bzw. in noch weitgehend geschlossenen großen Waldgebieten Reviere zu begründen. Ein Blick auf die aktuelle Verbreitungskarte zeigt, dass bisher nur in den dünn besiedelten östlichen Bundesländern und Niedersachsen Reviere besetzt werden konnten (ca. 31 Rudel).

In Hessen gibt es bisher kein bestätigtes Rudel, sondern es gab nur Einzeltiere, die meist zu Verkehrsopfern wurden. Eine Ausnahme war ein einsamer Wolf, der im Reinhardswald ca. 3 Jahre gelebt hat und eines natürlichen Todes gestorben ist. Aufgrund der bisherigen Beobachtungen deutet es sich an, dass die Wiederansiedlung im Westen unseres Landes sehr viel langsamer und auch problembeladener als in den östlichen Ländern vor sich gehen wird, als manche Experten dies annehmen.
Beim notwendigen Wolfsmanagement, das die heutige Situation in einem dichtbesiedelten Industrieland zur Kenntnis nimmt, wird man auf die Hilfe der Jägerschaft angewiesen sein. Die Jäger verfügen in der Regel über exzellente Geländekenntnisse, sie kennen die landwirtschaftlichen Strukturen und den örtlich vorhandenen Wildbestand. In Notfällen (Verkehrsopfer, Problemtiere!) haben sie die nötige Sachkenntnis, um nach der derzeitigen Rechtslage im Auftrag der Jagdbehörde oder der Polizei eingreifen zu können.
Jagdlich gesehen, kann die Jägerschaft die weitere Entwicklung eher mit einiger Gelassenheit beobachten, da das durchschnittliche Pachtrevier kaum ernsthaft in Mitleidenschaft gezogen werden wird. Die Reviergröße der Wölfe hängt natürlich von der Struktur und der Wilddichte ab. Die Mindestgröße liegt nach bisherigen Forschungen in Polen bei ca. 150 km². Zum Vergleich seien hier einmal die gesamten Stadtflächen von Biedenkopf (90,3 km²) und Gladenbach (72,3 km²) herangezogen. Zur Versachlichung so mancher Diskussion möge man einmal die Größe des eigenen Pachtreviers in Relation dazu setzen (1 km² = 100 ha)!

Ludwig Knapp, Wolfsbeauftragter