Eiseskälte

Anfang Februar 2012, das Thermometer zeigt seit knapp zwei Wochen Temparaturen um -10°C an. Es ist erträglich, da keine Nässe im Spiel ist, doch nachts kennt Väterchen Frost keine Gnade und treibt den klugen Menschen in die warme Sasse. Das Wild besitzt keine kuschelige Stube, ist gezwungen Energie zu sparen und zehrt von angelegten Kraftreserven. Dem Himmel sei Dank, dass nicht allzu viel Schnee liegt und die üppige Mast des vergangenen Jahres noch reichlich verstreut im Wald zu finden ist. Dennoch ist es eine harte Zeit für die Tiere und es ist besonders bei dieser Wetterlage ratsam jegliche Beunruhigung für das Wild zu vermeiden. Zeitgleich müssen wir Jäger jedoch in der Lage sein unsere jagdlichen Bestrebungen nach diesen Gegebenheiten auszurichten um die uns übertragenen Pflichten zu erfüllen.
Endlich konnte auch ich mich, seit einigen Wochen aufgrund Prüfungen verhindert, wieder am Revierbetrieb beteiligen. Drei Tage waren es nun, in denen ich mich Hegemaßnahmen und der Bejagung angenommen, sowie die Möglichkeit hatte mein Wissen über Wildbewegungen auf den neusten Stand zu bringen. Tags zuvor fiel der erste Frischling, eine Bache mit 31kg aufgebrochen. Sie war Mitglied einer acht Kopf starken Rotte. Zunächst wechselten mich im Rücken einer Kanzel fünf Frischlinge samt Bache an, ich zögerte einen Moment zu lange und musste sie passieren lassen. Als ich mich bereits in einer vor mich hin gemurmelten Nebelwolke aus derben Flüchen wähnte, riss mich ein Knirschen harschen Schnees aus dieser unangemessenen Reaktion. Ich war wieder hellwach, die Kälte vergessen und der Blick durchs Zielfernrohr auf die zwei Nachzügler der Rotte gerichtet. Als zwei gleichstarke Sauen die Schneise hinter mir querten, der eine Frischling kurz verhoffte und der rote Punkt auf dessen Kammer ruhte, krümmte sich der klamme Zeigefinger glücklicherweise doch noch. Mit sauberen Lungenschuss war die Todesflucht nur kurz und ich konnte meinen Aufenthalt wieder in eine wärmere Umgebung verlagern.
Heute trachtete es mir nicht nach Ansitz, ich erhoffte mir mehr vom Pirschen im Hochwald. Ausreichend Mast scheint vorhanden, unzähliges frisches Gebräch ist überall zu finden, zumal die Kirrungen und Wildäcker nur sporadisch angenommen sind. Ich habe bereits einen höchst interessanten Revierteil im Auge, in dem letzte Nacht wohl einiges los gewesen sein muss. Außerdem ist Pirschen-Stehen angenehmer als nächstens bei -15°C auf einem Hochsitz zu erfrieren. Dennoch hege ich Bedenken, da lautloses Vorrankommen auf dem harten Waldweg so gut wie unmöglich scheint, zumal mein erster Versuch auf diese Weise enttäuschte. Der Ehrgeiz ist jedoch ungebrochen und der Wille dieses Unterfangen zu Erfolg zu führen ist vorhanden. Also heißt es nochmal die Mondzeiten kontrollieren -abnehmend– das bedeutet später rausgehen um Luna optimal nutzen zu können. Gleichzeitig begünstigt das die geringere Wahrscheinlichkeit auf Rehwild zu treffen. Der Entschluss ist also gefasst: Sachen packen, bis 22 Uhr warten, funktional bekleiden und ab geht es. Am Parkplatz für den darüber liegenden Trimm-Dich-Pfad bleibt das Auto zurück. Ich prüfe den Wind und entschließe mich rechterhand in das Kottenbachtal einzusteigen. Mit dem Drilling und meinem Jagdrucksack auf den Schultern schleiche ich los. Der Jagdstock wechselt häufig die Hand, trotz Handschuhe wandern meine Finger abwechselnd in die Brusttaschen. Raubwild zieht hörbar parallel über mir im Hang, lässt sich jedoch nicht blicken. Bei guter Sicht, das Mondlicht vollführt silbernen Glanz auf der Schneedecke, die Vegetation tiefschwarz, begrenzt vom kräftig dunkelblauen Himmel, bei Stille eine unwirkliche Kulisse. Doch ich bin nicht vorrangig deswegen hier, mir wäre es lieber den schnürenden Rotrock zu Gesicht zu bekommen oder das muntere Grunzen meiner borstigen Freunde zu vernehmen. So schreite ich voran, ganz langsam und bedächtig, Vorsicht als Begleiterin, ja kein Geräusch verursachen. Ich muss die Konzentration hochhalten, ein Kampf gegen aufkommende Müdigkeit, doch ich forciere meine Anspannung, der Gedanke an den Kältetod, sollte ich mich hier niedertun ist zusätzlich präventiv. Nun befinde ich mich schon weit über dem Rundweg für Spaziergänger, taghell der Buchenhochwald in dem ich mich befinde. Plötzlich Fuchsbellen, über mir, kommt näher. Aber der liebestolle Reineke empfiehlt sich von selbst in die Büsche und verstummt. Wieder unterbricht ein Scharren die Stille, eine Ricke mit ihren zwei Kitzen sucht im Laub nach Baumfrüchten und plätzt emsig vor sich hin. Seit ich die stolze Mutter kenne führt sie alljährlich zwei Kitze, sie ist stark im Gebäude und ihr Nachwuchs ist ebenso gut beisammen. Die drei bekommen mich spitz, verweilen aber an Ort und Stelle, ich komme ungerügt vorbei und nähere mich der „heißen“ Zone. Quere eine stärkere Keilerfährte, oh Mann, wenn der mich doch außerhalb der Schonzeit anwechseln würde… Aber was soll’s, Konjunktiv nützt bei der Jagd herzlich wenig.
Dann höre ich wieder Bewegung, der schwache Wind fällt als Verursacher aus, das müssen Sauen sein! Der Weg auf dem ich stehe, hangaufwärts Windwurffläche –Kyrill sei Dank- unter mir Fichtenschonung bis ins Tal. Vermutlich schieben sich Sauen irgendwo um mich herum ein. Genau lässt sich das Geraschel nicht zuordnen und mir bleibt nichts anderes übrig als regungslos zu verharren. Ich stehe gut gedeckt im Schatten einer turmhohen Fichte, der Schneetarnanzug erfüllt darüber hinaus seinen Zweck. Die Minuten vergehen, ich bin mittlerweile fast zwei Stunden unterwegs, jeden Moment werden die Kirchenglocken Mitternacht verkünden. Als wieder Ruhe einkehrt und ich nicht länger verhoffen mag halte ich weiter Kurs bergan, schiebe ein Bonbon nach, die Kälte ergreift Besitz von meinen Zehen. Ich muss mich mehr bewegen und kontrahiere in regelmäßigem Turnus sämtliche, unauffällig bedienbare Muskelpartien. Die Sowjet-Wintermütze tief im Gesicht und der Schal bis unter die triefende Nase gezogen befürworten den längeren Verbleib im Gefrierfach Heimatwald. Mein Pfad macht eine Biegung, im Knick schimmert die unregelmäßig zugefrorene Oberfläche des sich in tiefere Ebenen mäandernden Bachlaufs, gleich tausenden winzigen, funkelnden Kristallen. Unvergessliches Naturschauspiel in unwohnlicher Umgebung zu unchristlicher Uhrzeit. Wie schön, dass so etwas möglich ist, Augenblicke wie diese eingerahmt vom zentralen Beweggrund, gebettet in zufällig auftretende Eigenheiten der Umwelt. Etwa zwei Kilometer habe ich mich vorgetastet, der Abhang links von mir führt in das „Zweite tiefe Loch“, recht steil auch die gegenüberliegende Böschung, doch da die Bäume und Büsche fast gar kein Laub tragen und aufgrund der Helligkeit kann ich weit schauen, sogar der Gegenhang ist größtenteils einsehbar. Unter einer Buche bleibe ich stehen, Bäume wie dieser prägen als Überhälter über dem aufkommenden Jungwuchs das ab hier beginnende Landschaftsbild.
Wieder leises Knacken der steif gefrorenen Blätter auf dem laubbedeckten Waldboden. Ab und zu Unterbrechung, doch die Kontinuität dieses Vorgangs veranlasst mich den Abhang unter mir abzuleuchten. Noch erkenne ich nichts, bin mir aber gewiss, dass der oder die Verursacher der Gattung „Sus scrofa“ zugehörig sein müssen… Es kommt näher, so wie es sich anhört wahrscheinlich ein einzelnes Stück. Pause, Brechen, zügiges Ziehen, Brechen, Pause. Ja ganz sicher, womöglich ein Überläufer, also passend. Der Intensität des Geräusches nach stimmt auch das Gewicht mit der Vermutung überein. Ich verschaffe mir festen Stand, nehme den Drilling in Voranschlag, streiche ihn am mitgeführten Bergstock an und mache mich fertig. Die Wutz hält den mir bekannten alten Sauwechsel, sollte mich demnach auf knapp 40 Meter hangabwärts durch den Buchenunterwuchs passieren. Die Kälte ist vergessen, Müdigkeit unterbrochen, alle Sinne geschärft um das Vorhaben erfolgreich zu gestalten. Da, ein Schatten, der schwarze Wildkörper wird sichtbar. Unten im Graben auf etwa 70 Schritt sehe ich Bewegung, tatsächlich wechselt der stattliche Überläufer auf mich zu. Immer wieder wühlt er nach Eicheln und Bucheckern oder sichert in die Umgebung. Es läuft nach Plan, der Wind streicht mir an die rechte Wange, es kann nichts mehr schief gehen. Jetzt steht er im Unterwuchs, gut erkennbar und verfällt in zügiges Trollen. Schnell ist er nah, weiter auf Kurs, er will nach links von mir weg. Ich erfasse Ziel, gehe leicht mit, der Keiler verzögert, ich halte leicht vor das Blatt, der Schuss bricht. Kurzweilige Taubheit. Wildes Krachen den Abhang hinab, Äste zerbersten, unregelmäßig das Knirschen der Flucht, ich kam gut ab. Jagdfieber erhält Einzug, die Kälte wird rasch wieder spürbar, flugs verschwinden meine Hände in der Tasche. Ein Blick auf die Uhr läutet die obligatorische Zigarettenlänge ein. Als das Zittern sich legt sind die fünfzehn Minuten um und ich beginne den steilen Abstieg zum Anschuss. Nur wenige rote Tropfen zieren die weiße Pracht, wohingegen Eingriffe als deutliche Zeugen der Todesflucht erkennbar sind. Ich gehe diesen nach. Im Schein der Taschenlampe stapfe ich voran, im Loch, durch das ich laufe ist es um einiges dunkler als zuvor von oben betrachtet. Schlängeln durch Unterwuchs, Buchenknospen kratzen mein Gesicht, Klettern über Totholz, die hindernisreiche Spur führt auf eine Rückegasse zu. Und siehe da, der Kujel schaffte es nicht weiter. Mir zu Liebe blieb er verendet in der Fahrrinne liegen, warme Luft steigt aus seinem Gebrech, vor kurzem strebte er noch dem Talgrund zu, jetzt schläft er ewig.
Friedlich still ist es wieder, kein Laut ist zu hören als ich ihm die Totenwacht halte. Die rote Arbeit verschafft mir seit Stunden erstmalig wieder wohlige Wärme. Nach der Versorgung des Stücks ehre ich es mit letztem Bissen und Inbesitznahmebruch, stecke mir noch einen weiteren an die rechte Hutseite und halte noch einmal inne. Dann binde ich das Bergeseil mittels Schlinge in den Kiefer der Wutz und schleife sie in Richtung Hauptweg. Ich komme relativ gut voran, die knapp 60 Kilo schliddern hinter mir her und ohne Verschnaufpause erreiche ich das Ziel. Ich hole mein Auto, zwänge den Brocken in den Kofferraum und transportiere die Beute in den heimischen Keller. Nach ein paar Fotos mache ich Feierabend und sinke anschließend glücklich und zufrieden in die Federn. Froh ob dem Erlebten, der Erlegung und weil jemand so klug war den Apfel vom Baum der Erkenntnis zu pflücken, sodass man in einer eiskalten Winternacht nicht unter freiem Himmel in der Natur leben muss.

Tobias Hermann Schädler

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